Regulierung

Sommerzeit in der EU, Stand der Abschaffung und was sich geändert hat

Seit 2018 ringt die EU um das Ende der Zeitumstellung. Stand Oktober 2026: keine Ratsposition, die Kommission lässt die Folgen untersuchen.

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Eike-Christian Ramcke

Von Eike-Christian Ramcke

Geschäftsführer AKARA Solutions GmbH

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2018 hatten 4,6 Millionen EU-Bürger an einer Online-Konsultation teilgenommen, 84 Prozent stimmten für die Abschaffung der Sommerzeit. 2019 sprach sich das EU-Parlament in erster Lesung dafür aus, die Zeitumstellung ab 2021 zu beenden. Heute, sieben Jahre später, stellen wir die Uhren immer noch zweimal jährlich um, und der Rat der EU hat bis heute keine Position beschlossen. Was passiert ist, warum es nicht passiert, und was die Forschung zur gesundheitlichen Frage sagt.

Wie die Sommerzeit überhaupt entstand

Die Idee einer saisonalen Zeitumstellung ist alt, ihre flächendeckende Einführung aber jung. Benjamin Franklin hatte 1784 in einem satirischen Brief vorgeschlagen, die Pariser sollten früher aufstehen, um Kerzen zu sparen. Der erste seriöse Vorschlag kam 1907 vom britischen Bauherren William Willett, der Sommerabende länger nutzen wollte. Eingeführt wurde die Sommerzeit erstmals 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, in Deutschland und Österreich-Ungarn als Energiespar-Maßnahme. Großbritannien und die USA folgten kurz danach.

Nach dem Krieg verschwand die Sommerzeit zunächst weitgehend, kehrte im Zweiten Weltkrieg zurück, verschwand wieder. In Deutschland wurde die Sommerzeit 1980 wieder eingeführt, vor dem Hintergrund der Ölkrisen der 1970er Jahre und im Gleichklang mit den Nachbarländern. Seitdem wurde die Praxis europaweit harmonisiert, seit 2002 läuft sie EU-weit synchron am letzten Sonntag im März und Oktober.

Die Konsultation und der Stillstand

Im Sommer 2018 startete die EU-Kommission eine öffentliche Konsultation. 4,6 Millionen Antworten gingen ein, das Ergebnis war eindeutig: 84 Prozent für Abschaffung. Zugleich war die Beteiligung sehr ungleich verteilt, allein aus Deutschland kamen mehr als 3 Millionen der Antworten, was Kritiker als nicht-repräsentativ einstuften.

Am 12. September 2018 legte die Kommission einen Richtlinienvorschlag vor. Am 26. März 2019 nahm das Europäische Parlament in erster Lesung seine Position dazu an: Jeder Mitgliedstaat sollte selbst entscheiden, ob er dauerhaft Sommer- oder Winterzeit nutzt, die letzte Umstellung sollte im März 2021 (Staaten mit Sommerzeit) beziehungsweise im Oktober 2021 (Staaten mit Winterzeit) stattfinden. Eine Richtlinie wurde daraus nie, weil der Rat keine eigene Position beschloss. Dahinter stehen im Kern zwei Probleme.

Erstens haben sich die Mitgliedstaaten nicht koordiniert. Wenn Spanien dauerhaft Sommerzeit (UTC+2) wählt und Portugal dauerhaft Winterzeit (UTC+0), entsteht zwischen Madrid und Lissabon ein zwei-Stunden-Sprung an einer gut 1.200 Kilometer langen Grenze. Solche Patchwork-Szenarien sieht die Kommission als wirtschaftlich problematisch und drängt auf abgestimmte Entscheidungen, die nie zustande kamen.

Zweitens hat die Pandemie 2020 und der Ukraine-Krieg 2022 die Aufmerksamkeit der EU-Politik auf akutere Themen verlagert. Die Sommerzeit-Frage stockte seither im Rat der EU, ohne dass eine Mehrheit für oder gegen die Abschaffung organisiert worden wäre.

Stand 13. Oktober 2026 gibt es neue Bewegung, aber keinen Beschluss. 2025 schlug die polnische Ratspräsidentschaft einen zweijährigen EU-weiten Versuch mit dauerhafter Sommerzeit vor. Die Mitgliedstaaten verlangten dazu zusätzliche Analysen. Daraufhin gab die Kommission eine Studie zu den Folgen einer gemeinsamen Abschaffung in Auftrag: Sie wurde im Februar 2026 gestartet, wird von einem Konsortium aus Ecorys, Capgemini, Stratec und CE Delft durchgeführt und soll Ende 2026 abgeschlossen sein. Sie untersucht zehn Szenarien, darunter auch eine nur teilweise abgestimmte Wahl von Sommer- oder Winterzeit durch die Mitgliedstaaten.

Was die Forschung zu Gesundheit sagt

Die ursprüngliche Energiespar-Begründung gilt heute als überholt. Neuere Auswertungen, etwa die von Kotchen und Grant zu Indiana (2011), zeigen, dass die Einsparung bei der Beleuchtung durch mehr Heizen am Morgen und mehr Kühlen am Abend aufgezehrt wird. In Indiana stieg der Stromverbrauch der Haushalte mit Sommerzeit insgesamt um rund 1 Prozent.

Schwerwiegender sind die Gesundheits-Befunde. Mehrere große Untersuchungen, darunter eine Meta-Analyse von Manfredini und Kollegen (2019) und eine US-Auswertung von Fritz und Kollegen (2020), zeigen Effekte rund um die Frühjahrs-Umstellung. Nicht alle Studien bestätigen sie, eine US-Registerauswertung von 2025 fand keine Zunahme von Herzinfarkten:

  • Nach der Frühjahrs-Umstellung ein um rund 5 Prozent erhöhtes Herzinfarkt-Risiko (Odds Ratio 1,05 in der Meta-Analyse von 2019)
  • Rund 6 Prozent mehr tödliche Verkehrsunfälle in der Woche nach der Frühjahrs-Umstellung (USA)
  • Hinweise auf verstärkte depressive Symptome bei vorbelasteten Patienten
  • Reduzierte Schlafqualität in den ersten zwei bis drei Wochen, vor allem bei Kindern und älteren Menschen

Die Effekte sind klein im Einzelfall, in der Bevölkerungsstatistik aber messbar. Die meisten Schlaf-Forschenden sprechen sich für die Abschaffung aus, mit deutlicher Präferenz für die Winterzeit, weil sie näher am natürlichen Sonnenlauf liegt und Kinder morgens nicht im Dunkeln zur Schule gehen.

Welche Länder bereits ohne Zeitumstellung leben

Die meisten Länder der Welt haben die Sommerzeit nie eingeführt oder wieder abgeschafft. Russland 2011, Türkei 2016, Iran 2022 sind die jüngeren Beispiele. Russland stellte 2011 auf dauerhafte Sommerzeit (UTC+4) um und kehrte im Oktober 2014 zur dauerhaften Normalzeit zurück, in Moskau also UTC+3. In der Türkei gilt seit 2016 durchgehend UTC+3. Beide Länder berichten gemischte Ergebnisse. In Russland führte die Kritik an den dunklen Wintermorgen zur Rückkehr zur Normalzeit, in der Türkei wird die Helligkeit der Sommerabende positiv aufgenommen.

2026 kamen weitere Änderungen dazu. Marokko gilt seit dem 20. September 2026, 02:00 Uhr, dauerhaft als UTC+0 ohne Umstellung (tzdata 2026c); zuvor galt dort UTC+1 mit einer Unterbrechung im Ramadan. In Kanada stellen mehrere Provinzen die Uhren nicht mehr um: British Columbia gilt seit dem 9. März 2026 dauerhaft als UTC−7, Alberta seit dem 18. Juni 2026 als UTC−6, die Northwest Territories seit dem 21. August 2026 ebenfalls als UTC−6. Manitoba wechselt am 31. Oktober 2026 auf dauerhaft UTC−5 (tzdata 2026b bis 2026e).

In den USA gibt es eine ähnliche Debatte. Hawaii und Arizona nutzen seit Jahrzehnten keine Sommerzeit. Florida hat 2018 das „Sunshine Protection Act" verabschiedet, das die Sommerzeit dauerhaft machen würde, aber der Bundesstaat braucht dafür eine Bundesgesetz-Änderung, die bisher ausgeblieben ist.

Was passieren wird

Die Studie der Kommission liegt frühestens Ende 2026 vor, ein Beschluss des Rates ist danach erst möglich und derzeit nicht terminiert. Gegen eine schnelle Einigung spricht die fehlende Koordination zwischen den Mitgliedstaaten. Für ein Ende der Umstellung sprechen die gesundheitlichen Argumente und der politische Druck. Wie es ausgeht, ist offen.

Bis dahin wird zweimal jährlich umgestellt, immer am letzten Sonntag im März (Frühling, plus eine Stunde) und am letzten Sonntag im Oktober (Herbst, minus eine Stunde). Die Faustregel zum Merken: „Spring forward, fall back".

Quellen

  • Europäische Kommission: Public consultation on summertime arrangements, 2018
  • Europäisches Parlament: Position in erster Lesung zur Abschaffung der jahreszeitlich bedingten Zeitumstellung, 26. März 2019
  • Rat der EU: Ongoing study on discontinuing seasonal time changes, Dokument 10045/26, 3. Juni 2026
  • IANA: tz database NEWS, Releases 2026b bis 2026e
  • Manfredini et al.: Daylight Saving Time and Acute Myocardial Infarction: A Meta-Analysis, Journal of Clinical Medicine 2019
  • Fritz et al.: A Chronobiological Evaluation of the Acute Effects of Daylight Saving Time on Traffic Accident Risk, Current Biology 2020

Häufige Fragen

Wann ist die nächste Zeitumstellung?

Die EU stellt am letzten Sonntag im März auf Sommerzeit (Vorwärts-Sprung um 2 Uhr nachts → 3 Uhr) und am letzten Sonntag im Oktober zurück auf Winterzeit (Rückwärts-Sprung um 3 Uhr → 2 Uhr). Die nächsten Termine sind der 25. Oktober 2026 (Winterzeit) und der 28. März 2027 (Sommerzeit), sofern die EU ihre Regeln bis dahin nicht ändert. Wer eine Uhrzeit an einem Umstellungstag umrechnen möchte, trägt dieses Datum im Zeitzonen-Rechner ein.

Warum stellen wir am Wochenende um, nicht am Werktag?

Damit die Wirtschaft, der Bahnverkehr und die Industrie minimal betroffen sind. Die Zeit 2:00 Uhr nachts wurde gewählt, weil zu dieser Stunde Bahnen und Flugzeuge selten unterwegs sind und Schichtwechsel meist nicht laufen.

Profitieren Landwirte von der Sommerzeit?

Nein, im Gegenteil. Bauernverbände gehören zu den größten Kritikern: Kühe und andere Tiere richten sich nach dem natürlichen Sonnenlauf, nicht nach der Wanduhr. Die Umstellung führt zu zwei Wochen unruhiger Tiere, geringerem Milchertrag und Stress-bedingten Gesundheitsproblemen.

Wieso bleibt es bei der Umstellung, wenn doch alle dagegen sind?

Politisch nicht "alle dagegen". 84 Prozent in der EU-Konsultation 2018 waren für Abschaffung, aber das war eine selbstselektive Stichprobe (Deutsche überrepräsentiert). Repräsentative Umfragen zeigen oft 60-70 Prozent für Abschaffung, mit klarer Spaltung zwischen Pro-Sommer- und Pro-Winter-Lager. Diese Spaltung blockiert die politische Mehrheit.

Hat der Brexit was mit der Sommerzeit zu tun?

Nicht direkt, aber indirekt komplizierter geworden. Großbritannien als Nicht-EU-Mitglied könnte die Sommerzeit unabhängig abschaffen, während die Republik Irland (in der EU) gebunden bleibt. Eine getrennte Regelung würde innerhalb der irischen Insel eine Zeitzone-Grenze zwischen Belfast und Dublin schaffen, was beide Regierungen vermeiden wollen.

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