Wie die Welt zu Zeitzonen kam, von Sonnenuhren zur Washington-Konferenz
Vor 1884 hatte fast jede Stadt ihre eigene Zeit. Wie die Eisenbahn die Standardisierung erzwang und was die Meridiankonferenz tatsächlich beschloss.
1870 hatte eine Bahn-Reise von Detroit nach Pittsburgh den Reisenden gezwungen, seine Uhr 27 Mal zu stellen. Jede Stadt entlang der Strecke hatte ihre eigene mittlere Sonnenzeit, jeder Bahnhof seinen eigenen Fahrplan, jede der 70 US-Bahngesellschaften ihren eigenen Standard. Dass die Welt heute mit rund 40 sauber definierten Zeitzonen-Offsets auskommt, ist das Ergebnis von vier Jahrzehnten Chaos und einer Konferenz in Washington.
Die Welt vor der Standardzeit
Bis weit ins 19. Jahrhundert orientierte sich Zeit am lokalen Sonnenstand. Mittag war, wenn die Sonne im Zenit stand, exakt am Längengrad der jeweiligen Stadt. Berlin und München, gut 500 Kilometer auseinander, lagen rund 7 Minuten auseinander. London und Bristol, nur 200 Kilometer, immerhin noch 10 Minuten.
Solange Reise und Kommunikation langsam waren, spielte das keine Rolle. Wer mit Pferd oder Schiff von einer Stadt in die andere kam, brauchte Tage, der Zeit-Versatz fiel nicht auf. Als die Eisenbahn ab den 1830ern Reisezeiten von Tagen auf Stunden reduzierte, wurde das Problem akut.
Die Eisenbahn als Treiber
In Großbritannien war das Problem zuerst kritisch, weil die Insel klein und die Eisenbahn früh entwickelt war. 1840 führte die Great Western Railway „Railway Time" ein, einheitlich London-basiert, gültig auf allen ihren Strecken. Andere Bahngesellschaften folgten, aber nicht koordiniert. Erst 1880 erkannte das britische Parlament die GMT (Greenwich Mean Time) gesetzlich als landesweiten Standard an.
In den USA war die Lage chaotischer, weil das Land größer und die Bahngesellschaften zerstrittener waren. 1883 einigten sich die nordamerikanischen Bahngesellschaften (gegen den Widerstand der lokalen Politik) auf vier Zeitzonen mit einem Stunden-Versatz: Eastern, Central, Mountain, Pacific. Stichtag war der 18. November 1883, zwischen 12:00 und 13:00 Mittagszeit, in Folge in jeder Stadt entlang der Bahnlinien. Die Presse nannte es „der Tag der zwei Mittage", weil viele Städte ihre lokale Zeit zurückstellen mussten.
Die Internationale Meridian-Konferenz 1884
Im Oktober 1884 trafen sich Delegierte aus 25 Ländern in Washington D.C. zur International Meridian Conference. Ziel: ein weltweiter Bezugspunkt für Zeitmessung. Die Frage war nicht ob, sondern wo der Nullmeridian liegen sollte.
Drei Vorschläge standen zur Debatte: Greenwich (London), Paris, oder ein neutraler Punkt im Atlantik. Greenwich gewann mit 22 Stimmen gegen 1 (San Domingo) bei 2 Enthaltungen (Frankreich und Brasilien). Frankreich war besonders unglücklich, der Pariser Meridian war seit dem 17. Jahrhundert der eigene wissenschaftliche Standard. Frankreich akzeptierte die Resolution erst 1911, vorher galt in Frankreich die Pariser Zeit. Das Gesetz von 1911 definierte die gesetzliche Zeit dann als „Pariser Zeit minus 9 Minuten 21 Sekunden", also als Greenwich-Zeit, ohne den Greenwich-Meridian beim Namen zu nennen.
Die Konferenz fasste sieben Resolutionen. Sie hielt es für wünschenswert, einen einzigen Nullmeridian für alle Nationen zu verwenden, und schlug Greenwich dafür vor. Die Längengrade sollten von dort in beide Richtungen bis 180 Grad gezählt werden, Ost plus, West minus. Dazu schlug sie einen Universal Day vor, einen mittleren Sonnentag, der für alle am Mitternachtsmoment von Greenwich beginnt und von 0 bis 24 Stunden gezählt wird. Er sollte den Gebrauch von Orts- und Standardzeiten nicht beeinträchtigen. Außerdem äußerte sie die Hoffnung, dass astronomischer und nautischer Tag überall um Mitternacht beginnen, und dass die Studien zur Dezimalteilung von Winkeln und Zeit wieder aufgenommen werden. Zeitzonen gehören nicht zu den Beschlüssen. Die Resolutionen waren Vorschläge an die Regierungen und für kein Land bindend.
Die langsame Adoption
Nach der Konferenz ging die Standardisierung erstaunlich schleppend. Deutschland nutzte „Mitteleuropäische Zeit" (UTC+1) ab 1893, vorher hatten verschiedene deutsche Staaten verschiedene Zeiten. Frankreich, wie erwähnt, wartete bis 1911. Russland führte erst 1919 eine zonenbasierte Normalzeit ein, davor lokal-spezifisch oder „Petersburger Zeit" für ganz Russland.
Außerhalb Europas dauerte es noch länger. Saudi-Arabien führte laut tz-Datenbank 1947 UTC+3 ein, davor galt eine Ortszeit nach dem Sonnenstand. Liberia behielt bis 1972 eine Ortszeit basierend auf Monrovia (UTC-0:44:30). Die letzten lokalen Zeitsysteme verschwanden in den 1970ern.
Die kuriosen Übergangsphasen
Die Standardisierung war nicht überall sauber. Eine Auswahl:
Zwei Uhrzeiten in einer Stadt (1883-1918, USA). Manche US-Städte behielten neben der Eisenbahn-Zeit ihre örtliche Sonnenzeit für das Alltagsleben. Am Bahnhof galt dann eine andere Uhr als im Rathaus oder im Geschäft. Erst 1918 erklärte der US-Kongress die vier Bahn-Zeitzonen zur einzigen offiziellen Zeit.
Schweizer Ortszeit (bis 1894). Die Schweiz führte im Juni 1894 die Mitteleuropäische Zeit ein, vorher galt landesweit die Berner Ortszeit. Die Berner Zeit (UTC+0:29:46) ging gegenüber der MEZ rund 30 Minuten nach.
Amsterdamer Zeit (1909-1940). Die Niederlande nutzten ab 1909 die Ortszeit von Amsterdam als gesetzliche Zeit, UTC+0:19:32, ab 1937 gerundet auf UTC+0:20. Erst die deutsche Besatzung im Mai 1940 erzwang den Wechsel auf MEZ, der nach dem Krieg beibehalten wurde.
Indonesien (bis 1964). Vor der Unabhängigkeit gab es mehrere voneinander abweichende Zeiten quer durch den Archipel. 1964 vereinheitlichte Sukarno auf drei Zonen (UTC+7, +8, +9), die bis heute gelten.
Was bleibt
Die heutigen rund 40 Zeitzonen-Offsets sind das Ergebnis von 140 Jahren Politik, Wirtschaft und politischer Eitelkeit. Sie sind weder logisch noch konsistent, aber sie sind der pragmatische Kompromiss, mit dem die Welt funktioniert. Die IANA Time Zone Database dokumentiert jeden einzelnen Übergang, jede Sommerzeit-Einführung, jede regional-politische Anpassung seit 1970, und für viele Regionen weiter zurück.
Quellen
- International Meridian Conference 1884: Final Resolutions, Library of Congress
- Sandford Fleming: Time Reckoning for the Twentieth Century, 1886
- Ian Bartky: One Time Fits All. The Campaigns for Global Uniformity, Stanford UP 2007
- Derek Howse: Greenwich Time and the Discovery of the Longitude, Oxford UP 1997
Häufige Fragen
Wieso wurde Greenwich gewählt und nicht Paris?
Praktische Gründe. Etwa 72 Prozent der weltweiten Schifffahrt nutzte 1884 bereits Karten, die auf Greenwich kalibriert waren. Greenwich war damals das größte Marine-Observatorium der Welt. Frankreich enthielt sich bei der Abstimmung und übernahm Greenwich erst 1911.
War der "Tag der zwei Mittage" 1883 wirklich ein Tag mit zwei Mittagszeiten?
In manchen Städten ja. Zum Beispiel liegt Detroit gut 8 Längengrade westlich des 75. Meridians, nach dem sich die Eastern Standard Time richtet. Die Sonne stand dort erst um 12:32 Uhr Eastern Standard Time im Süden. Wer weiter nach der Sonne rechnete, hatte seinen Mittag also eine halbe Stunde nach dem Mittag der Bahnzeit.
Warum hat Nepal eine 45-Minuten-Versetzung?
Nepal führte 1986 UTC+5:45 ein und setzte sich damit vom indischen UTC+5:30 ab. Der Offset entspricht der Ortszeit am Meridian des Berges Gauri Shankar (86°15′ Ost).
Welches Land stellte erst spät auf eine Standardzeit um?
Zum Beispiel Liberia. Bis 1972 nutzte das Land Monrovia Mean Time (UTC-0:44:30), eine Ortszeit basierend auf der Hauptstadt. Am 7. Januar 1972 wurde auf UTC+0 umgestellt.
Gibt es Bestrebungen, alle Zeitzonen abzuschaffen?
Theoretisch ja, praktisch unwahrscheinlich. Eine "Internet Time" oder "Universal Time" für globale Online-Kommunikation wurde mehrfach vorgeschlagen, aber nie ernsthaft adoptiert. Lokale Tageszeiten bleiben tief im Alltag verankert.
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